Pebble Beach 2024 - Halbinsel der automobilen Glückseligkeit
Bei der Monterey Car Week strahlen nicht allein Hypersportler wie der Pininfarina Targamerica.

Pebble Beach 2024 - Halbinsel der automobilen Glückseligkeit

Der Autoindustrie geht es aktuell alles andere als gut. Elektrofahrzeuge lahmen, Automessen sind tot und keiner weiß, wohin es in den kommenden Jahren so recht geht. Auf der Luxushalbinsel Pebble Beach scheint es diese Probleme nicht zu geben, denn die Monterey Car Week feiert die Autobranche bunter denn je – fast eine Woche lang.

 

Man fragt sich wirklich, wieso Autohersteller in der westlichen Welt noch mit Millionenaufwand in Messen investieren? Abseits der gigantischen Events in China interessiert sich für die Leistungsschauen in Paris, München, Tokio oder Los Angeles kaum jemand mehr. Wie es anders geht, zeigt seit vielen Jahren die Monterey Car Week mit ihrem ebenso breiten wie bunten Panoptikum von Edelevents, schillernden Luxuspartys über lässige Fantreffs, skurrile Zusammenkünfte bis zu Versteigerungen und einer immer größer werdenden Zahl von Weltpremieren. Längst ist die Monterey Car Week die wichtigste Automesse des Jahres und wer hier nicht ist, gehört zumindest auf der weltweiten Bühne gerade nicht in die erste Reihe.

 

Zugegeben, vieles wiederholt sich von Jahr zu Jahr – selbst hier am Pazifik. Der Concorso Italiano oder die Legends of Autobahn haben über die Jahre einiges an Glanz eingebüßt und der schräge Concours de Lemons in Seaside als Gegenpol zu den Luxusevents in Pebble Beach oder dem Carmel Valley ist nicht mehr ganz so verrückt wie noch vor Jahren. Doch noch immer bestaunen Autofans aus aller Welt vor der Cityhall seltsame Schrottkisten vom heruntergerockten Daf-Kurierfahrzeug über verblichene Cadillac Eldorados bis zum verrosteten Fiat 124 Special TC. Auch er trägt den Beinamen Superleggera, den hier sonst nur millionenteure Boliden bei Ausstellungen oder den großen Versteigerungen von Goodings oder RM Sothebys zieren.

 

Wer sich in Monterey besonders in Szene setzen will, besucht den Luxusevent The Quail, bei dem sich gerade aufstrebende Kleinserienhersteller und Luxusmarken einem edlen Publikum präsentieren, das mehr als 1.100 Dollar Eintritt zahlt – zuzüglich Parkkosten. Wo anders könnte Lamborghini besser seinen 920 PS starken Huracan-Nachfolger Temerario enthüllen, Mate Rimac das Tuch vom Nevera R ziehen oder Maserati seinen GT2 Stradale erstmals von potenziellen Kunden bestaunen lassen? Bentley, Stinger, Rolls-Royce, Pininfarina oder Karma – im Schatten von schicken Sonnenschirmen wird beim netten Plausch ein Glas Champagner geschürft. Das ist die Automesse der Zukunft – zumindest die elitäre Spitze davon. Bodenständiger geht es im Concours Village von Pebble Beach zu. Hier haben sich über die Jahre immer mehr Autohersteller in Szene gesetzt und präsentieren in der dritten Augustwoche jene prachtvolle Bauten, die es vorher in düsteren Messehallen zu bestaunen gab. Und wer will Preziosen wie den Mercedes C111 Wankel oder einen historischen Maybach DS8 nicht unter freiem kalifornischen Sonnenhimmel genießen?

 

Doch es ist nicht allein die Schau, es ist nicht allein die immer größer werdende Zahl der Weltpremieren vom BMW M5 Touring über den Maybach SL oder die neueste Generation vom Lincoln Navigator. Es ist die Mischung aus allem, entspannte Gäste, eine Umgebung, die einen in seichten Dünenlandschaften neben Luxusvillen schwelgen lässt, während in einer paar Metern Golfbälle vorbeifliegen und man sich bereits morgens um sechs Uhr freundlich grüsst. Man spricht leise und die Organisation der Veranstaltung ist so personenstark wie es in Europa nicht denkbar wäre; all das sorgt zusammen mit einem Blick auf den glitzernden Pazifik für den Aufstieg, den Pebble Beach und die Monterey Car Week in den vergangen 15 Jahren erlebt hat. Die großen Marken lassen die kleinen Hersteller atmen und so kommen auch Label wie Everrati, RWB, Nilu, Ruf, Czinger, Singer oder Rezvani zum Zuge und selbst die Bottroper Edelmarke Brabus hat unweit der exklusiven Pebble Beach Lodge einen Stand wie auf keiner anderen Messe, um Edelmodelle und Boote zu präsentieren.

 

Schlechte Stimmung sucht man während der sonnenreichen Augustwoche vergeblich und der preiswert getunte Mazda MX-5 oder die Lowrider der Autofans aus Salinas zählen hier ebenso wie ein Bugatti Chiron oder der Hennessey Venom F5. Alle, die nach Monterey kommen, eint Spaß und Begeisterung am Auto, abseits von Störaktionen und schlechter Stimmung, wie diese in Europa zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Tagsüber und abends geht es zum Posen in die Cannery Row. Dort, wo früher Millionen von Sardinen in Dosen gepresst und in alle Welt verschifft wurden, drängen tagein tagaus Autofans aus aller Welt, um ihrem geliebten Fortbewegungsmittel zu huldigen. Wohl auch deshalb bringen Kollektoren ihre schillernden Boliden nur allzu gerne nach Pebble Beach, um das automobile Schmuckstück und auch sich selbst stilecht in Szene zu setzen. Am besten sogar bei der Abschlussveranstaltung dem Concours d’Elegance, der auf der Schlussbahn des Golfplatzes von Pebble Beach ein ebenso surreales wie grandioses Bild abgibt. Denn es gilt mehr denn je auch hier: wer in der Autoszene gerade etwas sein will, ist hier dabei. Hier und nirgends anders.

 

Stefan Grundhoff; press-inform

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