Standortbestimmung – Eine Führungskraft zwischen Tarotkarten und Realität
Es ist eine ungewöhnliche Szenerie für eine Geschäftsleiterin bei der Berufsfeuerwehr München: Statt Blaulicht, Akten oder Krisenmanagement sitze ich in einem kleinen Raum, der mit schummrigen Lichtern, einem Räucherstäbchen und einem Hauch von Baldrianatmosphäre gefüllt ist. Mir gegenüber thront eine Wahrsagerin, deren Blick zwischen mir und einem Stapel Tarotkarten hin und her wandert.
„Also, meine Liebe,“ beginnt sie mit weicher Stimme, „wir machen heute eine Standortbestimmung. Sie kennen das Prinzip?“
Ich nicke. Standortbestimmungen sind für mich nichts Neues. Als Geschäftsleiterin, verantwortlich für Personal, Organisation, Recht, Finanzen, Bevölkerungsschutz und sogar Geheim- und Sabotageschutz, habe ich alle drei bis vier Jahre eine umfassende Evaluation. 300 Managementfragen, 300 psychologische Fragen – die Ergebnisse zeichnen ein detailliertes Bild meiner Führungsstärke, aber auch möglicher Baustellen. Aber heute? Heute lasse ich die Karten sprechen.
Die Wahrsagerin zieht die erste Karte und legt sie langsam vor mich hin: Der Kaiser.
„Das ist Ihre Stärke,“ sagt sie mit einem Lächeln. „Sie sind eine geborene Führungspersönlichkeit, souverän und zielgerichtet. Ich sehe klare Strukturen, Verlässlichkeit und eine beeindruckende Autorität.“
Ich muss lachen. Natürlich, das passt. Autorität ist in meinem Job unverzichtbar. Bei der Berufsfeuerwehr gibt es keine Zeit für zögerliche Entscheidungen oder vage Anweisungen. Doch die Karten zeigen auch, was ich aus meiner letzten Standortbestimmung bereits weiß: Diese Stärke darf nicht in Starrheit umschlagen. Die Kunst liegt darin, flexibel zu bleiben und meine Teams mitzunehmen, selbst in den stressigsten Situationen. Mit Starrheit habe ich zum Glück nichts am Hut. So gleich gar nichts. Mir liegt der coachende Führungsstil am meisten. So möchte auch ich, dass meine Vorgesetzten mich führen. Toll finde ich auch den Tranformativer Führungsstil, der sehr nah am Coaching liegt. Er zielt darauf ab, Mitarbeiter*innen durch Inspiration, eine gemeinsame Vision und persönliche Entwicklung zu motivieren, um über die bloße Erfüllung von Aufgaben hinauszugehen. Er fördert Kreativität, Engagement und langfristige Motivation, indem er auf emotionale Bindung und Vertrauen setzt. Aber weiter zur Lesung meiner Tarotkarten.
Sie dreht die nächste Karte um: Die Gerechtigkeit.
„Sie sind jemand, der Fairness liebt, der mit einem klaren Sinn für Verantwortung handelt,“ fährt sie fort. „Ihre Mitarbeiter:innen schätzen Ihre Integrität und Ihre klare Linie. Aber –“ sie hebt eine Augenbraue – „das Streben nach Perfektion kann Sie manchmal zu streng machen. Manchmal müssen Sie loslassen, meinen Sie nicht auch?“
Ein Treffer. In der Evaluation meiner Standortbestimmung kam es genau zum Reflektieren dieses Aspektes: Mein Wunsch, es allen recht zu machen – den Mitarbeitern:innen, den Bürger:innen, der Organisation – kann dazu führen, dass ich mich selbst unter Druck setze. Doch dieser Anspruch ist auch das, was mich antreibt, in meiner Rolle die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen. Also hat diese Münze zwei Seiten. Ein gesundes Mittelmaß habe ich über viele Berufsjahre hinweg gelernt. Manchmal ist Perfektion richtig und vor allem wichtig. Manchmal kann es ein bisschen weniger sein.
Die dritte Karte: Die Liebenden.
„Ah, die Kunst der Verbindung,“ erklärt die Wahrsagerin. „Sie haben die Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen, Netzwerke zu knüpfen und Beziehungen zu pflegen. Aber … Beziehungen sind manchmal wie Feuer: Sie brauchen Pflege, sollten aber nicht ausufern.“
Ich nicke. Die Fähigkeit, Vertrauen aufzubauen und Brücken zu schlagen, ist eine meiner größten Stärken. Doch gerade im Bevölkerungsschutz oder Krisenmanagement bedeutet das auch, die Balance zu halten: Nähe schaffen, ohne die professionelle Distanz zu verlieren.
Die Karten erzählen weiter von meinen Fähigkeiten, mich in Teams zu integrieren, Konflikte zu moderieren und auf Augenhöhe zu führen. Doch dann legt sie die nächste Karte auf den Tisch: Der Turm.
„Hier sehe ich Herausforderungen,“ sagt sie leise. „Es gibt Zeiten, in denen bestehende Strukturen aufzubrechen sind. Veränderungen sind unvermeidlich – aber sie können auch schmerzen.“
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Ich runzele die Stirn. Ja, der Turm erinnert mich an mein ständiges Bestreben, Innovationen voranzutreiben, Prozesse zu optimieren und dabei die Balance zwischen Tradition und Wandel zu halten. Die Standortbestimmung hat gezeigt, dass ich manchmal an meiner eigenen Energie zehren muss, um andere mitzuziehen – ein Drahtseilakt, besonders in einer so komplexen Organisation wie der Feuerwehr. Und das ist das Thema, was mich derzeit am meisten beschäftigt. Der notwendige zukunftsorientierte Wandel. Es ist Zeit. Zeit Neues zu wagen. Zeit Teile von Gewohnten zurückzulassen. Zeit für Mut neu zu denken. Zeit für durchdacht sich Überholtem zu stellen.
Dann zieht sie die letzte Karte: Das Rad des Schicksals.
„Ah, hier kommt Ihre Vision,“ verkündet sie theatralisch. „Sie haben das Potenzial, große Dinge zu bewegen, aber Sie dürfen nicht vergessen, dass nicht alles planbar ist. Lassen Sie auch mal das Schicksal spielen.“
Ich lächle. Im Bevölkerungsschutz und Krisenmanagement plane ich mit meinem Team für das Unvorhersehbare – aber sie hat recht: Manchmal liegt die Kunst darin, loszulassen und darauf zu vertrauen, dass das Team, die Strukturen und die Prozesse greifen, die ich über Jahre aufgebaut habe. Und das gilt nicht nur für den diese beiden Themen. Mein Learning: Bloß, weil ein bisschen Gegenwind kommt oder kritische Fragen, ist es falsch die Gedanken oder Ideen sausen zu lassen. Eher so: Nachdenken, was sind berichtigte Zweifel? Was sind wertvolle Perspektiven, die zu betrachten sind? Wie können wir Visionen nach diesen Analysen modifizieren.
Als ich den kleinen Raum verlasse, denke ich über die Parallelen nach. Die Karten haben nichts Neues gesagt, aber sie haben mich daran erinnert, wie wichtig es ist, sich regelmäßig zu reflektieren – nicht nur durch eine offizielle Standortbestimmung, sondern auch durch persönliche Momente der Einkehr. Was treibt mich an? Wo möchte ich hin? Welche Stärken kann ich noch gezielter einsetzen, und welche Schwächen möchte ich anpacken?
In meiner Arbeit bei der Berufsfeuerwehr München gibt es keine Tarotkarten, aber dafür klare Werte: Reflexion, Integrität und der Wille, jeden Tag besser zu sein. Vielleicht ist das die wahre Magie.
Das sind Gedanken, die ich in meiner vier Wochen Auszeit reflektiert habe. Natürlich habe ich meinen fast drei Wochen in Südafrika sehr genossen. Aber dazu demnächst hier mehr.
Und jetzt meine Fragen an Euch: Macht Ihr regelmäßig eine eigene Standortbestimmung? Gibt es bei Euch so etwas im Job? Persönlich mache ich am Ende des Jahres immer eine Standortbestimmung - meist im November - wie mein Jahr war. Was habe ich erreicht? Was ist noch offen? Was hat sich als Ziel/Vision verändert? Ende Dezember dann erstelle ich mir eine Vision, was ich im nächsten Jahr erreichen möchte. Wie sieht es bei Euch aus?
Und hier noch eine kleine Übung für Euch:
Die Führungskraft in Balance
Eine kleine Übung für Ihre persönliche Standortbestimmung:
Ich hoffe Ihr freut Euch, dass ich mit meinen humorigen Glossen und lustigen Schauplätzen zurück bin aus meiner Auszeit.
Eure Antje
Zauberer .... Magier ... Der Gaukler der Dult
2 MonateLiebe Antje, Ich war gespannt, wie du Kurve weg vom Tarot bekommst. Als (Straßen-)Zauberer kenne ich viele Möglichkeiten und Varianten, um Gesagtes, Gesehenes, manchmal auch Erahntes in den Trick einzubauen. Zum Erstaunen des Publikums. Um Cold-Reading, die Technik hinter dem Wahrsagen, machte ich immer einen großen Bogen. Zu unseriös, zu gefährlich für labile Personen. Wie das Tarot. Die angesprochenen Themen find ich toll, und wünsche mir als Münchner weiter auf die gut organisierte Feuerwehr vertrauen zu können, die sich nicht von Karten leiten lässt. Solltet ihr jemand brauchen, der sich mit Karten aus kennt: Ich bin da. Mit viel Magie, aber ohne Zauberei :-) Oder auf der Dult. Bei gutem Wetter. Herzlich Roman
Berufsfeuerwehr München - Integriertes Managementsystem und Veränderungsmanagement
3 MonateLiebe Antje, vielen Dank für Deine Geschichte. Ganz besonders gefällt mir die Übung zum Schluss. Sich ganz bewusst zu reflektieren ist wichtig, Dies schafft die Grundlage für Weiterentwicklung und führt zu mehr innerer Ruhe und Gelassenheit.
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3 MonateDanke Dir für diesen inspirierenden Beitrag! Es ist beeindruckend, wie du durch die Verbindung von Führungsevaluierung und Tarotkarten deine Führungsphilosophie reflektierst. Besonders spannend finde ich den Fokus auf die Balance zwischen Autorität und Flexibilität sowie zwischen Perfektion und Pragmatismus – essenzielle Herausforderungen in der modernen Führung. Dein Mut, Veränderung zu wagen und dabei stets die langfristige Vision im Blick zu behalten, ist inspirierend. Die Karten mögen vielleicht nichts Neues gezeigt haben, aber sie verdeutlichen, wie wichtig es ist, sich selbst und die eigene Führung regelmäßig kritisch zu hinterfragen. Ein toller Impuls für alle, die Führung bewusst und zukunftsorientiert leben möchten! Ich werde mich auf jeden Fall übers Wochenende die Zeit nehmen und mich mit deinen aufgeführten Punkten beschäftigen. ❤️
Ideenscout | Corporate Influencer@Landeshauptstadt München | Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM)
3 Monate„Bestehende Strukturen aufbrechen“ 👍 Genau das ist es, da hast Du den Nagel wieder einmal auf den Kopf getroffen, Antje Jörg! 😁
Willkommen zurück liebe Antje! Vielen lieben Dank für die schöne Geschichte mit der Erinnerung zur Reflexion, um bei sich selbst zu bleiben. Ich nehme mir die Zeit zwischen den Jahren dafür.