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Es ist so weit: Selbst die heute-show macht sich im ZDF über das immer unattraktivere Jurastudium lustig. Der integrierte Bachelor wird uns nicht retten, am Ende verliert immer der Rechtsstaat, meinen Quint Haidar Aly und Susanne Hähnchen.
Aus meiner Sicht ist an der Stelle auch das weiterhin brachliegende Potenzial der zugewanderten Jurist:innen zu schöpfen. Wer ohne weiteres Studium in D als RechtsAnwalt oder RechtsAnwältin tätig sein kann (siehe entsprechende Regelungen der EU), müsste es mit Unterstützung auch in weitere Stellen der Justiz oder in den öffentlichen Dienst als Volljurist schaffen können. Und bitte nicht das Argument verwenden, dass man da halt nicht das deutsche Recht auswendig gelernt hat. Rechtswissenschaft ist viel mehr als das.
An mein Jurastudium an der FU Berlin denke ich sehr gerne zurück. Ich hatte tolle Professoren, insbesondere im StrR. Das Problem ist ein anderes: Das Justizprüfungsamt! von Berlin Brandenburg. Diese Einrichtung greift nach Gutsherrenart ist den Arbeitsmarkt ein und missbraucht seine Stellung deutlich. Deshalb ist es richtig, seine Abschaffung zu fordern und die Examensprüfungen an den Unis anzusiedeln. Denn, warum sollten Juraprofessoren - wie bei fast allen anderen Studieneinrichtungen - nicht in der Lage sein, Examensnoten zu vergeben?
Ein Master muss nun auch in das Jurastudium integriert werden. Wir fordern das in folgender Petition: www.openpetition.de/!llb Die Universität Lüneburg hat den Wettbewerb mit dem integrierten LL.M. eröffnet. Die juristische Karriere darf nicht von einer so härtfallabhängigen und subjektiv bewerteten Examensprüfung mit verschönten Durchfallquoten abhängen.
Man wird sich eines Tages die Frage stellen müssen, ob jede Richterstelle das zweite juristische Staatsexamen erfordert. Das Verhältnis Amtsanwalt/Rechtspfleger und Richter/Staatsanwalt wird ebenfalls neu überdacht werden müssen. Gerade im Zivilprozess wird man über Mündlichkeit und Unmittelbarkeit nachdenken müssen. Auch der Einsatz von Technologie ist ein Thema. Es könnte schon heute möglich sein, Vortrag in Relationstabellen automatisiert einzupflegen. Hier könnte man schließlich auch über das in der Vergütung des deutschen öffentlichen Diensts verbreitete Einheitsmodell nachdenken. Ich war mit Anfang 30 nach einem Jahr in der Anwaltschaft 14 Monate in einem Ministerium (Rechtsreferat); die Vergütung war angemessen, aber ich konnte nicht sehen, dass ich, wenn ich schwerere Aufgaben übernommen hätte, auch nennenswert mehr verdient hätte.
Die Reform wird definitiv kommen: Entweder wir machen die juristische Ausbildung jetzt zukunftsfähig, oder wir werden in 15 Jahren den Rechtsmarkt deregulieren und gemeinsame Ausbildungsstandards sukzessive durch die Hintertür abschaffen. Es liegt also an uns, den Rechtsstaat sicher ins 21. Jahrhundert zu bringen. Was es dafür braucht: 1. Bis Jahresende das BVerfG absichern 2. Ab Januar die kommende Bundesregierung dazu bringen, die Zukunft unseres Rechtsstaats auf die Agenda zu setzen. Dafür braucht es noch keine perfekte Lösung. Aber wir müssen den Stein erstmal ins Rollen bringen, um gemeinsam eine solche zu finden. Wer rechtspolitisch mitmischt, kann jetzt dazu beitragen, dass unser Rechtsstaat nicht nur morgen, sondern auch übermorgen noch funktioniert. Die juristische Ausbildung gewinnt keine Wahlen. Aber wenn alle anpacken, schafft sie es in den Koalitionsvertrag. Anschließend können wir um die beste Lösung streiten. Gemeinsam. Für einen guten Rechtsstaat. Dr. Oliver Islam Lucy Chebout Niko Härting Stephanie Beyrich Ulrich Karpenstein Edith Kindermann Anna Gallina Doreen Denstädt Fenicia Aceto, LL.M. Dr. Jermaine Washington Ria Schröder Christian Lemke Dr. Thomas Remmers Stefanie Otte Mari Weiß Matthias Schröter
Was ne Ehre- jetzt gemeinsam den Karren aus dem- was auch immer- ziehen...😁🤘🏼
Gut für die jetzt fertigen Juristen, allgemein erschreckend. Das sogar umso mehr, nachdem man sich über die LJPAs nicht immer als attraktiver Arbeitgeber aufstellt. Heißt, wir brauchen auch hier staatliches Umdenken.
Naja, nach dem was wir hier mitbekommen haben, zeigen viele Studenten und Absolventen der modernen „spezialisierten Jurastudiengänge“ erhebliche Wissenslücken, die auf ihre Einsatzfähigkeit selbstverständlich negativ auswirken. Es mag ja sein, dass sich Versicherungen über möglichst kostengünstige Schadenssachbearbeiter freuen, aber in komplexen Gerichtsverfahren oder Gestaltungsmandaten würde ich so jemandem keine echte Verantwortung übertragen. Und es bleibt doch dabei, dass sich bspw. bei vielen Zivilrechtsfällen auch Fragen aus dem öffentlichen Recht und/oder dem Strafrecht stellen (und im öffentlichen Recht und Strafrecht umgekehrt Zivilrechtsfragen). Daher muss meines Erachtens der Volljurist das Ausbildungsziel und und auch der Maßstab bei jeder Examensprüfung bleiben. Sinnvoll ist und bleiben eine angemessene Begrenzung des Prüfungsstoffes sowie die Möglichkeit, die Prüfung auf beispielsweise zwei Termine in zwei aufeinanderfolgenden Semestern aufzuteilen. Sinnvoll wäre ferner ein Abschied von der absoluten Notengläubigkeit, die auch heute noch unter anderem von Leuten befeuert wird, die vor dreißig Jahren ihre Hausarbeit im Team und nicht alleine geschrieben haben …
Aus meiner subjektiven Sicht als Teil der vorsorgenden Rechtspflege sehe ich vier große Baustellen, die eine dringend notwendigen Reform des Jura-Studiums angehen muss: 1. Jeder Studierende muss die Methoden der Gesetzesauslegung einschließlich der europarechtlichen Bezüge erlernen. In anderen Studiengängen ist die Methodenlehre ein großes Pflichtfach. 2. Die juristische Ausbildung ist auf den Richterberuf zugeschnitten. In NRW lernen Referendare an 1,5 Tagen (!) ihrer gesamten zweijährigen Referendarzeit die Grundlagen der Vertragsgestaltung. Damit geht die Ausbildung an den Realität vorbei, dass die meisten Absolventen Anwälte werden und jeden Tag Verträge gestalten müssen. 3. Jura-Studierende werden darauf getrimmt, überall Probleme zu sehen. Diese Denkweise setzt sich später im Berufsleben fort. Der Mandant bekommt dadurch den Eindruck, alles sei unsicher und schwierig. Das hat auch eine politische Komponente, weil wir notwendige Veränderungen und Reformen massiv behindern. Stadessen sollten wir konstruktiv denken. 4. Jeder Jurist muss schwierige Verhandlungen auch psychologisch gut führen können. An dieser Kompetenz fehlt es m.E. vielen Berufsträgern. Daher müssen die sog. soft skills viel stärker unterrichtet werden.
Juristische Fakultät Göttingen vielleicht ergibt sich ja ein Austausch mit Vertreter:innen der iur.reform und vom Bundesverband rechtswissenschaftlicher Fachschaften e.V. sowie der Göttinger Fachschaft als sinnvoll, was über die Einführung des integrierten LL.B. noch möglich sein könnte. :) Begrüße total Euer Engagement, das Studium in Göttingen besser zu machen. Das ist super wichtig und der LL.B., die Studie sowie Diskursformate sind tolle Initiativen in die richtige Richtung und sollten noch mehr wertgeschätzt werden. Vielleicht gibt es aber hier und dort noch die eine oder andere Stellschraube, an der man ein wenig drehen kann :)