Russland spielt Schach mit den USA

Russland spielt Schach mit den USA

Russland spielt Schach mit den USA

Wie Bauer Donald plötzlich zur wichtigsten Figur auf dem Brett wurde

Von Andreas Schwander

«Schach ist Gymnastik des Verstandes» hat Lenin gesagt. Schachspielen wurde deshalb unter den Kommunisten zum Volkssport mit Millionen von Spielern. Auch heute noch wird in Russland Schach gespielt wie in kaum einem anderen Land – in der Schule in der Freizeit, im Park. Schach und seine «Hirngymnastik» haben überall Spuren in der Gesellschaft hinterlassen.

Da ist es nur logisch, dass Politik, Diplomatie, Militär und die Geheimdienste auch Schach spielen. Wer gegen wen spielt ist nie so ganz klar – und auch nicht, wer zur Schachfigur wird. Das Interesse einem zur Schachfigur zu machen erkannte man früher am Knacken im Telefon – wenn das Band eingeschaltet wurde, an schwarzen Wolga-Limousinen im Rückspiegel oder auch plötzlich sehr zuvorkommendem Verhalten von höheren Beamten. Dann hatte man das Zeug zur weissen Figur.

Der Standard-Werkzeugkasten der Geheimdienste

In den späten 1980er Jahren ist auf diesem Schachbrett ein Amerikaner namens Donald Trump aufgetaucht. Wie jeder Ausländer wurde er auf seine Tauglichkeit als Schachfigur geprüft. Trump hatte gute Voraussetzungen: Er war eitel und reagierte gut auf Schmeicheleien. Vor allem war er reich und Herr über eine undurchsichtige Familienfirma, was ebenfalls nützlich sein konnte. Und er mochte schöne Frauen, einen der Lieblingstricks der Geheimdienst. Damit konnte man sich relativ einfach «Kompromat» beschaffen, kompromittierendes Material.  Kompromat wurde von den Geheimdiensten immer langfristig, systematisch und auf Vorrat beschafft. Kompromat ist der geladene Revolver unter dem Tisch, mit dem man nie zu schiessen braucht. Es reicht, bei Missfallen ein Wenig die Augenbraue hochzuziehen. Und genauso verhält sich Vladimir Putin gegenüber Donald Trump.

Wahrscheinlich ist Donald Trump im Lauf der letzten 30 Jahre in jede Falle getappt, die ihm die Schachspieler in der Lubjanka (Inlandgeheimdienst), am Smolensker Platz (Aussenministerium) und im Chodinkafeld (Militärgeheimdienst) gestellt haben. Der Kreml als Schachspieler dürfte erst viel später dazugekommen sein. Trump war wohl lange ein zu kleiner Fisch um auf den Radarschirmen der beiden Geheimdienste am Roten Platz aufzuleuchten.

Die Geheimdienste und Ministerien spielen auch nicht immer gemeinsam. Oft spielen sie auf demselben Brett und mit denselben Figuren, aber gegeneinander. Da geht es um Prestige, Geld, Macht und Zugang zur Wirtschaft oder ausländischen Unternehmen. Trump dürfte vor allem in dieser Hinsicht nützlich gewesen sein. Der fliessende Übergang zwischen Geheimdiensten und organisiertem Verbrechen hat in Russland lange Tradition. Eine ebenso lange Tradition hat der fliessende Übergang zwischen Casinos und Hotels und dem organisierten Verbrechen. Ein mit dem klassischen Geheimdienst-Werkzeugkasten manipulierbarer Chef eines Familienunternehmens in der Casino- und Hotelbranche ist eine Traum-Schachfigur.

Die Geheimdienste können ihr Glück kaum fassen

Dass Trump Ambitionen aufs höchste US-Amt hatte, war schon lange klar. Doch zugetraut hat man es ihm wohl auch in Moskau nicht. In den russischen Geheimdiensten war immer schon die Beeinflussung ausländischer Politiker die Paradedisziplin. Im KGB galt als grösster Erfolg dieser Art die Wahl des finnischen Präsidenten Urho Kekkonen im Jahr 1956. Kekkonen pflegte schon vor seiner Wahl ein freundschaftliches Verhältnis zum KGB-Residenten der Botschaft in Helsinki und dieser meldete die Kontakte und die «Führbarkeit» seines Agenten in überschwänglichen Tönen nach Moskau.

In Tat und Wahrheit machte Kekkonen das, was die Finnen schon in den Zeiten als russisches Grossherzogtum vor 1917 getan hatten: er hielt sich einen «Kottiryssa», einen «Hausrussen». Das Wort ist verwandt mit der «Kottikissa», der Hauskatze. Mit dem Wissen, dass Moskau ihn als eine der eigenen Schachfiguren betrachtete, konnte sich Kekkonen für Finnland nach und nach mehr Freiheiten erspielen.

Wahrscheinlich kennt Donald Trump solche Feinheiten des internationalen Schachspiels nicht. Er war lange wohl einfach der Bauer, über dessen Hotels und Casinos die russischen Geheimdienste ihr Geld gewaschen haben. Dass Trumps Firmen öfters am Bankrott vorbeischrammte und wohl nicht annähernd so profitabel sind, wie er das immer behauptet, dürfte den Geheimdienst-Unternehmern noch zusätzlich geholfen haben. Ein klares Anzeichen dafür ist, dass Robert Müller, der Ex-FBI-Chef, der die Untersuchung zur russischen Einmischung in die US-Präsidentenwahlen leitet, sein Team mit so vielen Spezialisten für Geldwäscherei ausgestattet hat– und dass Donald Trump auf alle ihre Erkenntnisse in diese Richtung mit panischen Tweets reagiert. Denn Mueller untersucht nicht nur die Wahl von 2016, er darf allen möglichen kriminellen Handlungen nachgehen, die er im Lauf der Untersuchung entdeckt.

Die Bauernumwandlung

Bauer Donald auf dem russischen Schachbrett hätte auf ewig das bleiben können, was er mit oder ohne sein Wissen war. Doch dann kam der Moment, als sich auf dem Schachbrett eine völlig ungeahnte Chance ergab: die auf eine Bauernumwandlung: Der Bauer kommt am anderen Endes des Schachbrettes an und wird eine wertvollere Figur, meist eine Dame. Donald Trump wurde Präsidentschaftskandidat der republikanischen Partei – und ihm gegenüber stand eine schwache, verhasste und damit schlagbare Kandidatin. Die Schachspieler in Moskau konnten ihr Glück kaum fassen. Bauer Donald stand nur einen einzigen Zug davon entfernt, die stärkste Figur auf dem Brett zu werden.

Die Chancen standen minim, aber im Gegensatz zu den Medien und den meisten US-Politikern verstand niemand das US-Wahlsystem so gut wie die russischen Geheimdienste. Es brauchte nur winzige Gewichtsverschiebungen in wenigen Staaten um das Spiel drehen. Ob Trump tatsächlich dank einer russischen Intervention Russen die Präsidentschaft gewonnen hat, ist nicht klar. Die paar Hunderttausend Dollar an aus Russland gebuchter Facebook-Werbung sind ein Witz im Verhältnis zu den gigantischen Summen, mit denen US-Interessengruppen versucht haben, die Wahl zu beeinflussen. Doch viel interessanter ist die Frage, weshalb die russischen Geheimdienste und allenfalls auch der Kreml (was nicht dasselbe ist) bei diesem Spiel überhaupt mitspielen.

Russland will «Geachtet und gefürchtet» werden

Russland sieht sich als Nachfolger des Kaiserlichen Imperiums und der Sowjetunion – welche für viele Russen eine Zäsur in der royalen, nicht aber in der imperialen Geschichte des Landes war. Die Schmach des verlorenen Imperiums (die Briten leiden auch noch immer unter dem Verlust ihres Empire machen entsprechende Dummheiten) kam erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Und die ist noch lange nicht überwunden. Russland will Supermacht sein – überall und noch immer. Seit dem Sieg über Napoleon im «Vaterländischen Krieg» hat Russland den Anspruch, «geachtet und gefürchtet» zu werden. Und noch immer dröhnt Nikita Chruschtschows Losung in den Köpfen: «Amerika ein – und überholen!» Man misst sich an den USA und nur mit zugehaltener Nase an China, das aus russischer Sicht die schlechteren Startchancen hatte, es mit dem Kommunismus aber besser hingekriegt hat.

Russland leistet sich die Geheimdienste, die Armee, die Rüstungsindustrie, die Raumfahrt und die aussenpolitischen Ambitionen einer Supermacht. Doch dazu ist es weder mit seiner Bevölkerung von 144 Millionen (so viel wie Deutschland und Italien zusammen) und erst recht nicht mit seiner Wirtschaft in der Lage. Wirtschaftlich ist Russland etwa so stark wie Spanien – oder wie die beiden grössen deutschen Bundesländer Bayern und Nordrhein-Westfalen gemeinsam.

Das flächenmässig grösste Land der Welt ist wirtschaftlich ein bluffendes Rumpelstilzchen. Aber weil die Mittel halt doch beschränkt sind, macht man es mit Geschick, mit Social-Media-Trolls, asymmetrischen Kriegen in der Ostukraine, «grünen Männchen» auf der Krim und einer Handvoll Kampfjets in Syrien.

Mit all diesen Ambitionen und Komplexen lebt Russland aussenpolitisch weit über seine Verhältnisse. Nach der Jahrtausendwende hatte Vladimir Putin noch verkündet, Russland könne nicht auf ewig von Öl und Gas leben. Heute ist dessen Anteil am Staatshaushalt mit über 70 Prozent höher als zu Sowjetzeiten. Die Wirtschaft wird von Ex-Spionen geleitet, der grösste staatliche Ölkonzern Rosneft besteht praktisch ausschliesslich aus gestohlenen Assets, jenen von Jukos. Sein Chef ist ein gefürchteter alter Schlapphut: Igor Setschin.

Glaube keinen Umfragen – und keinen Umfragern

Populär ist das alles nicht. Über WhatsApp kursieren ätzende Putin-Witze, der Brain-Drain der gut ausgebildeten Leute ist wieder so gross wie kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Wie unpopulär Putin in Russland ist, lässt sich einfach nachrechnen: Bei einer Wahlbeteiligung von 65 Prozent hat Putin in der Präsidentenwahl von 2012 63 Prozent der Stimmen erhalten. Davon sind über 70 Prozent als Rentner, Soldaten oder Staatsangestellte direkt von der Regierung abhängig. Selbst wenn man keine Wahlmanipulationen annimmt, ergibt sich eine überzeugte Zustimmung von höchstens 25 Prozent. Soviel erreichen Populisten in jedem beliebigen Land. Putins Partei «Einiges Russland» wurde auch schon die «Partei der Diebe und Banditen» genannt und wäre in fairen Wahlen chancenlos.

Aber in Russland hat jede Familie Verwandte, die in den Lagern umgekommen sind. Die politische Meinungsforschung besteht seit über hundert Jahren aus Telefonüberwachung, persönlicher Beschattung und Verhaftungen. In so einem Land sagt man keinem wildfremden Callcenter-Mitarbeiter, man halte den Präsidenten für einen Idioten.

Der Scheiss lebt im Vollen

Aber der Unmut ist nur noch knapp unter der Oberfläche. In einer Live-Jubiläumssendung der seit Sowjetzeiten populären Talent-Fernsehshow «KWN» sang eine Gruppe im Frühling in einer spontanen Aktion sinngemäss: «In unserem Land gibt es alles im Überfluss, Aber das Volk lebt im Scheiss» (Scheiss und Überfluss reimt sich auf Russisch). Über mehrere Strophen kommt das Spottlied zum Schluss: «Und der Scheiss lebt im Überfluss». Gemeint war der korrupte Staatsapparat. Das Publikum klatschte frenetisch den Rhythmus mit, Vladimir Putin sass mit verlegenem Grinsen mittendrin. Mittlerweile macht das Video in allen WhatsApp-Gruppen die Runde. Bei so viel unverhohlener Ablehnung braucht die Regierung Erfolge, die wenigstens den Schein aufrechterhalten. Und Trump hilft dem Kreml dabei auf mehrere Arten.

Mit seiner chaotischen Personalpolitik und dem vernünftigen, aber unmotivierten und inkompetenten Aussenminister Rex Tillerson hat Donald Trump die diplomatische Maschinerie des State Department lahmgelegt. Da haben die Diplomatie-Routiniers vom Smolensker Platz unter Ausseminister Sergei Lavrov freie Bahn. In der Aussenpolitik treibt Russland die USA vor sich her. Es stösst in jede Lücke die sich auftut, weil sich der US-Präsident und seine Diplomaten verstolpern. Im Mittleren Osten hat Russland Fakten geschaffen. In Syrien waren kaum zwei Dutzend russische Flugzeuge im Einsatz. Dazu liessen die russischen Strategen die syrische Armee nach alter Sowjetdoktrin auch noch die letzte alte Artilleriegranate verschiessen: Kostet nichts und wirkt in der Masse trotzdem.

Grösstmöglicher Effekt mit minimalem Aufwand - das tröstet die Leute zuhause. Der Schein ist wichtiger als das Sein. Fürst Potemkin mit seinen Dörfern war ein Petersburger, wie Vladimir Putin. Je grösser der Medienrummel um Robert Muellers Untersuchung, desto mehr steht Vladimir Putin in Russland als strategisches Genie da. Die Mueller-Untersuchung kann deshalb für den Kreml nicht lange genug dauern. Und wenn sie einzuschlafen droht, kann man sie mit etwas Kompromat wiederbeleben.

Das Volk der Schachspieler verliert

Stellt sich die Frage nach Siegern und Verlierern. Remis spielen die USA und ihre Bevölkerung. Bei zwei schlechten Kandidaten gewinnt nicht automatisch die weniger schlechte Kandidatin. Zudem hat die USA eine lange Tradition darin, sich in die Politik anderer Länder einzumischen: Das Bonmot: «He is a son of a bitch, but he is our son of a bitch» für willfährige Diktatoren wird wahlweise US-Präsident Franklin D. Roosevelt, Nachkriegs-Aussenminister Dean Acheson oder auch dem Weltkriegs-Meisterspion und späterem CIA-Chef Allen Dulles in den Mund gelegt. Die «Unser Hurensohn»-Politik war jahrzehntelang Leitstern der US-Aussenpolitik. Und nun sitzt möglicherweise der Hurensohn eines andern im Weissen Haus.

Sieger des grossen Schachspiels wird Vladimir Putin, als Grossmeister des internationalen Polit-Schachs. Verlierer dagegen ist das russische Volk. Da verfällt die Welt immer mehr in Stagnation, während die Menschen von den militärischen und diplomatischen Erfolgen nichts haben, ausser das Gefühl, gross und wichtig zu sein. Sie spüren aber vor allem auch die wirtschaftliche Verschlechterung, die steigenden Preise und die Konflikte innerhalb der Familien, die oft über die ganze ehemalige Sowjetunion verstreut sind. Und natürlich spüren sie die grassierende Korruption des Apparates. Die Bezeichnung für kleine Geschenke war vor 25 Jahren noch «Vsjatki» - von «etwas nehmen». Dann wurde es zu «Otpil» - «das Abgesägte». Heute ist es «Otkat» - «das Weggerollte».

Aber das interessiert die Schachspieler im Kreml nicht, solange sie dieses Volk mit einer Mischung aus Grossmachts-Stolz, Repression und Strandferien in der Türkei ruhigstellen können. Nur weil die Russen ein Volk von Schachspielern sind, heisst das noch lange nicht, dass sie dieses Spiel auch gewinnen werden.


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