Kapitel V: Die Großen Sieben oder Was ich beim Pilgern lernte
Nun ist der September angebrochen. Der Sommer ist vorbei und wir schauen zurück auf die neuen Erfahrungen, die uns diese freieste der Jahreszeiten gebracht hat. Bei mir war es in diesem Sommer die Erfahrung des Pilgerns, die mich tief berührt hat. Während der Pilgerreise dachten wir viel nach. Unser Gegenstand waren die sieben „Todsünden“ oder „Wurzelsünden“, wie sie in der christlichen Tradition auch genannt werden. Nun schreibe ich schon das fünfte Mal darüber, wie diese zutiefst menschlichen Verhaltensweisen uns im Arbeitsalltag begleiten. Heute ist der Hochmut dran.
„Mache dich nicht so wichtig - es gibt größere Zwerge, als du einer bist.“
John Knittel
Hochmut
Was unterscheidet den Hochmut vom Stolz? Stolz auf unsere Leistungen hebt uns in unseren Wert. Wir fühlen uns erfüllt, weil uns nach einiger Anstrengung und Mühe etwas gelungen ist.
Hochmut ist anders. Hochmütige Menschen können die Leistung ihrer Kollegen nur schwer anerkennen. Sie sind doch die Großartigsten. Die Leistung von anderen reden sie klein, um selbst groß scheinen zu können. Ihnen fehlt etwas Wichtiges: die Demut. Ein demütiger Mensch hat es nicht nötig, hochmütig zu sein. Er ist dankbar für die Talente und Gaben, die er mitbekommen hat und kann ebenso die Talente der anderen sehen und anerkennen. Nach meiner Überzeugung ist die Demut eine wichtige Voraussetzung, um wahrhaft führen zu können. Denn in der Führung geht es darum, Verschiedenheit in Talenten und Begabungen zu fördern und ein gutes Umfeld für deren Entfaltung zu schaffen. Das gelingt nicht, wenn Hochmut, der immer und zuerst egoistisch ist, den Blick verstellt. Was nun tun mit den hochmütigen Kollegen? Können Sie sich noch an den guten Turtur, den Scheinriesen aus Lummerland, erinnern? Der wurde immer kleiner, je näher man ihm kam. Nähern Sie sich dem Hochmütigen doch mal an. Lernen Sie ihn besser kennen und sehen Sie zu, wie er auf Normalgröße schrumpft und Sie sich auf Augenhöhe gegenüberstehen. Es besteht die Chance, dass jemand vor Ihnen steht, der nur aus Unsicherheit den Mantel der Hochmut trägt und dankbar für die Annäherung ist.
Vor Hochmut bin ich nicht gefeit
Ich bekenne mich schuldig: auch ich war schon oft genug hochmütig. Wie oft habe ich schon gedacht: das hätte ich aber besser gemacht als der Kollege … da hätte ich eine bessere Entscheidung getroffen als der Vorgesetzte … dort hätte ich viel schneller gehandelt. Irgendwann wurde mir klar, wie unproduktiv das ist. Dieses hochmütige Bewerten brachte mich keinen Schritt weiter. Heute mache ich es anders. Ich denke lieber darüber nach, wann ich selbst in die von mir bei anderen beklagten Verhaltensweisen falle. Zeige ich denn immer angemessene Anerkennung für Leistung eines Mitarbeiters? Erkläre ich Entscheidungen ausreichend? Finde ich immer die passenden Worte? Natürlich nicht! Also nutze ich meine Beobachtungen heute lieber als Chancen, mich weiterzuentwickeln, als hochmütig die Stirn zu runzeln.
Denken Sie doch mal über folgendes nach:
- Auf welche Gaben und Talente bin ich stolz? Wie lasse ich andere daran teilhaben?
- Wann bin ich hochmütig und woraus wird mein Hochmut geboren?
- Was ärgert mich, wenn ich Hochmut begegne, und was sagt das über mich selbst?
Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche. Üben Sie sich in Demut und Dankbarkeit. Das ist die beste Medizin gegen Hochmut.
Ihre Caterine Schwierz