Getreide und seine Mythen
Weizen macht dick und süchtig!
Vollkorn erhöht den Blutzuckerspiegel stärker als Zucker!
Um Getreide ranken sich viele Mythen. Dabei spielen oftmals moderne Ernährungsgewohnheiten, Trends und die Sozialen Medien eine entscheidende Rolle. Begriffe wie Low Carb, Paleo oder Steinzeitdiät sind in aller Munde. Die Trends haben eines gemeinsam: den bewussten Verzicht auf Getreide.
Doch welche Mythen davon sind tatsächlich wahr und welche stimmen nicht? In diesem Artikel möchte ich vier Mythen aufgreifen, welche Dr. Fred Brouns aufklärt. Dr. Brouns ist Professor für Innovation im Bereich gesunde Ernährung am Department für Humanbiologie an der Universität Maastricht. Gemeinsam mit der Universität Wageningen führte seine Forschungsabteilung die Studie „Well on Wheat?“, übersetzt „Gesund mit Weizen?“, durch.
Mythos 1: Weizen macht dick
Die Zunahme des Weizenkonsums führt zu einer Zunahme des Körpergewichts. Die Folge ist Fettleibigkeit und damit verbundene chronische Krankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Laut Dr. Brouns wird bei dieser Aussage ein Schluss getroffen, der so nicht zulässig ist. Selbstverständlich führt der übermäßige Verzehr von stark kalorienhaltigen Lebensmitteln zu Fettleibigkeit. Diese Gewichtzunahme ausschließlich auf Weizen oder Getreideprodukte zurückzuführen, ist jedoch falsch. Dr. Brouns führt als Beispiel Asien an: Obwohl dort ein relativ geringer Weizenverbrauch herrscht, ist eine stetige Zunahme von Patienten, die an Fettleibigkeit leiden, zu erkennen. Konträr dazu nennt der Experte Länder wie Italien oder die Türkei. Dort wurde trotz hohem Weizenkonsum, zum Beispiel durch Nudeln oder Brot, in den letzten zwei Jahrzehnten kein rascher Anstieg der Fettleibigkeit verzeichnet.
Mythos 2: Weizen steigert den Blutzuckerspiegel
Die im Weizen enthaltene Stärke unterscheidet sich von der Stärke in anderen ballaststoffreichen Produkten und führt folglich zu einem unerwünschten Anstieg des Blutzuckerspiegels.
Dr. Brouns erklärt, dass das Verhältnis von Glukoseketten der Stärke in pflanzlichen Lebensmitteln dasselbe ist wie in anderen stärkehaltigen Lebensmitteln. Er widerlegt damit, dass der Verzehr von Weizen ein entscheidender Faktor für die nachteilige Erhöhung des Blutzuckerspiegels ist. Laut fundierten wissenschaftlichen Studien führt der Verzehr von Brot sogar zu einem niedrigeren Blutzuckerspiegel, als eine ähnliche Menge von (Brat-)Kartoffeln oder den meisten weißen Reissorten.
Mythos 3: Vollkorn hat einen höheren Glykämischen Index als Zucker.
Der Glykämische Index (GI) beschreibt, wie sich kohlenhydrathaltige Lebensmittel auf den Blutzuckerspiegel auswirken. Je höher der GI eines Nahrungsmittels ist, umso stärker erhöht der Verzehr den Blutzuckerspiegel.
Den Mythos, Vollkornbrot hätte einen höheren GI als Zucker, widerlegt Dr. Brouns mit konkreten Zahlen: der internationale Glykämische Index (GI) von Zucker wurde mit 67 festgelegt. Vollkornbrot hat einen GI-Wert von 65,9 und liegt damit unter jenem von Zucker. Etwas anders verhält es sich mit Weißbrot, dessen GI-Wert mit 70 knapp über dem von Zucker liegt. Nichtsdestotrotz liegen diese Werte beträchtlich unter den GI-Werten von anderen Stärkeprodukten, wie weißem Reis oder Kartoffelpüree.
Mythos 4: Weizen macht süchtig.
Weizenopioide machen so süchtig, dass Menschen die Kontrolle über ihre Essgewohnheiten verlieren, was zu Überernährung und Übergewicht führt.
Bei bestimmten Glutenproteinfragmenten, sogenannten Peptiden, wurde laut Dr. Brouns bei Laborversuchen eine opioidähnliche Aktivität beobachtet. Es handelt sich dabei um Gliadin-Fragmente mit morphinähnlicher Wirkung, kurz Gliadorphine. Bei der Behauptung, diese „Weizenopioide“ machen süchtig, wird laut Dr. Brouns jedoch eine wesentliche Tatsache übersehen: Der menschliche Dünndarm ist nicht in der Lage, diese Gliadorphin-Peptidketten aufzunehmen. Den süchtig machenden Stoffen ist es dadurch unmöglich, intakt das Gehirn zu erreichen.
Wissenschaftliche Belege dafür, dass Gliadin den Appetit steigert, gibt es laut Dr. Brouns nicht. Entzugssymptome in Abwesenheit des Proteins wurden ebenfalls nicht festgestellt. Basierend auf jüngsten Metaanalysen behauptet der Experte sogar, „dass der regelmäßige Verzehr von Vollkornprodukten in einem positiven Zusammenhang mit einem besseren Gewichtsmanagement steht.“
Die positive Wirkung von Vollkorn
Ernährungsmythen werden laut Dr. Brouns sehr stark von der öffentlichen Meinung beeinflusst. Zum bewussten Verzicht auf Getreide befragt, meint der Experte:
Ja, Weizen kann zu Intoleranz oder allergischen Reaktionen führen. Menschen mit nachweislicher Intoleranz sollten auf Weizen und Gluten verzichten. Eine Allergie gegen Weizeneiweiß kommt jedoch lediglich bei etwa 0,2 bis 0,5 % der Bevölkerung vor.
Der größte Teil unserer Bevölkerung kann ohne Probleme Weizen und Gluten essen – und soll es auch.
Dr. Brouns ist beim Getreide vor allem von der positiven Wirkung von Vollkorn überzeugt. Laut ihm geht der Verzehr von Vollkorn mit einer beachtlichen Verringerung des Risikos einher, an Übergewicht, Adipositas, Diabetes Typ 2, Herz- und Kreislauferkrankungen und möglicherweise sogar Darmkrebs zu erkranken.
Einen vitalen Lebensstil mit bewusster, ausgewogener Ernährung bestehend aus Vollkorn, Obst und Gemüse, gesunden Fetten und Eiweiß sehe ich als die Lösung an.